Was Sie beim Hähnchenkauf nie erfahren sollten, aber unbedingt wissen müssen

Beim Griff zur Hühnchenpackung im Supermarkt erwarten die meisten von uns reines Fleisch – schließlich gilt Geflügel als gesunde Proteinquelle und steht bei ernährungsbewussten Menschen hoch im Kurs. Doch die Realität sieht oft anders aus: Viele Hühnerfleischprodukte enthalten deutlich mehr als nur das, was auf den ersten Blick erkennbar ist. Versteckte Zusatzstoffe verwandeln das vermeintlich natürliche Lebensmittel in ein hochverarbeitetes Produkt, das mit unseren Gesundheitszielen kollidieren kann.

Warum überhaupt Zusatzstoffe im Hühnerfleisch?

Die Fleischindustrie nutzt verschiedene Zusatzstoffe aus wirtschaftlichen und technologischen Gründen. Phosphate beispielsweise binden Wasser im Fleisch und erhöhen so das Verkaufsgewicht. Gleichzeitig verleihen diese Substanzen dem Produkt eine festere Konsistenz und eine appetitlichere Farbe. Konservierungsstoffe verlängern die Haltbarkeit, was längere Transportwege und Lagerzeiten ermöglicht. Geschmacksverstärker sollen fade gewordenes oder minderwertiges Fleisch aufwerten. Das Problem: Diese Zusätze stehen nicht immer transparent auf der Verpackung, oder sie verstecken sich hinter kryptischen E-Nummern, die selbst informierte Konsumenten nicht auf Anhieb entschlüsseln können.

Die häufigsten versteckten Zusatzstoffe in Geflügelprodukten

Polyphosphate – die unsichtbaren Wasserbinder

Polyphosphate gehören zu den am häufigsten eingesetzten Zusatzstoffen in Hühnerfleisch. Nach EU-Verordnung sind die Phosphate mit den E-Nummern E338 bis E452 zugelassen, wobei Fleischerzeugnissen Phosphorsäure und deren Salze bis zu einer Höchstmenge von 5 Gramm pro Kilogramm zugesetzt werden dürfen. Sie verändern die Proteinstruktur des Fleisches so, dass es große Mengen Wasser aufnehmen und halten kann. Beim Braten verdampft dieses Wasser wieder – die Hähnchenbrust schrumpft dramatisch in der Pfanne, und zurück bleibt oft ein zähes, geschmackloses Stück Fleisch. Untersuchungen deutscher Geflügelerzeugnisse zeigen, dass etwa die Hälfte der untersuchten gegarten Putenbrusterzeugnisse erhöhte Phosphatwerte aufweist. Dies deutet auf zugesetztes Phosphat hin und bestätigt die weite Verbreitung dieser Praxis in der Geflügelindustrie.

Natriumcarbonat und Kaliumcarbonat

Diese Substanzen, bekannt unter den E-Nummern E500 und E501, regulieren den pH-Wert des Fleisches und verbessern ebenfalls die Wasserbindung. Sie werden häufig bei mariniertem oder vorgewürztem Geflügel eingesetzt. Das Problem: Sie erhöhen den Natriumgehalt des Produkts erheblich, was für Menschen mit Bluthochdruck oder Herzproblemen problematisch sein kann.

Geschmacksverstärker und Hefeextrakte

Auch wenn „Hefeextrakt“ natürlich klingt, handelt es sich um eine Zutat mit hohem Glutamatgehalt, die als natürlicher Geschmacksverstärker fungiert. Sie maskiert mindere Fleischqualität und macht Produkte künstlich schmackhafter.

Wo sich Zusatzstoffe besonders häufig verstecken

Fertig marinierte Hähnchenteile sind wahre Zusatzstoff-Cocktails. Hier verbergen sich neben den bereits genannten Substanzen oft auch Zuckerarten, künstliche Aromen und Farbstoffe. Die Marinade dient nicht selten dazu, qualitative Mängel des Fleisches zu überdecken. Panierte Geflügelprodukte wie Schnitzel und Nuggets enthalten nicht nur in der Panade zahlreiche Zusatzstoffe, sondern häufig auch im Fleisch selbst. Hier kommen Bindemittel, Emulgatoren und Stabilisatoren zum Einsatz, um aus Fleischresten und mechanisch separiertem Geflügelfleisch ein scheinbar hochwertiges Produkt zu formen.

Geflügelwurst und Aufschnitt führen die Liste der zusatzstoffreichsten Geflügelprodukte an. Phosphate, Nitritpökelsalz, Geschmacksverstärker, Farbstoffe und Konservierungsstoffe sind hier Standard. Das vermeintlich leichte und gesunde Hähnchenbrust-Aufschnittprodukt kann zu einem hochverarbeiteten Lebensmittel werden, das mit frischem Fleisch kaum noch etwas gemein hat.

So erkennen Sie versteckte Zusatzstoffe

Die Zutatenliste ist Ihr wichtigstes Werkzeug. Achten Sie auf folgende Hinweise:

  • E-Nummern: Je länger die Liste, desto verarbeiteter das Produkt. Bei Phosphaten sind besonders die E-Nummern E338 bis E452 relevant
  • Begriffe wie „mit Wasser aufgefüllt“: Direkter Hinweis auf Wasserbindung durch Zusatzstoffe
  • Prozentangaben unter 100 Prozent: Wenn „Hähnchenbrustfleisch 85 Prozent“ steht, bestehen 15 Prozent aus anderen Zutaten
  • Unspezifische Bezeichnungen: „Gewürze“, „natürliche Aromen“ oder „pflanzliches Eiweiß“ können verschiedenste Substanzen verbergen
  • Auffällig niedriger Preis: Extrem günstiges Geflügelfleisch enthält oft viel zugesetztes Wasser und Zusatzstoffe

Wasserzusätze und ihre Kontrolle

Der Wasser-Eiweiß-Quotient ist die standardisierte Messgröße zur Kontrolle von Wasserzusätzen, geregelt durch die EU-Verordnung Nr. 543/2008. Bei Hähnchenbrustfilet liegt der durchschnittliche Quotient bei etwa 3,19. Untersuchungen deutscher Geflügelqualitätskontrollen zeigen, dass die meisten Proben innerhalb der zulässigen Grenzwerte liegen, jedoch bedeutet dies nicht, dass keine Zusatzstoffe zur Wasserbindung eingesetzt werden – nur dass diese innerhalb der rechtlich erlaubten Grenzen bleiben.

Die Antibiotika-Problematik

Neben den Zusatzstoffen gibt es ein weiteres ernstzunehmendes Problem: Neun von zehn Masthühnern bekommen Antibiotika. Davon sind 40 Prozent Reserveantibiotika – also Antibiotika, die in der Humanmedizin benötigt werden, wenn andere Antibiotika nicht mehr wirken. Diese Praxis trägt zur Entwicklung antibiotikaresistenter Bakterien bei, was zu einer wachsenden Gefahr für die öffentliche Gesundheit wird.

Praktische Tipps für den Einkauf

Bevorzugen Sie frisches, unverarbeitetes Fleisch. Je weniger Verarbeitung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit versteckter Zusatzstoffe. Ganze Hähnchenbrustfilets ohne Marinade sind die sicherste Wahl. Nehmen Sie sich Zeit, die Zutatenliste zu studieren. Produkte mit nur einer Zutat sind ideal. Achten Sie besonders auf E-Nummern im Bereich E338 bis E452, die auf Phosphatzusätze hinweisen. Metzgereifachverkäufer können oft Auskunft über Herkunft und Verarbeitung geben, also scheuen Sie sich nicht, nachzufragen.

Vorsicht bei Sonderangeboten: Extrem reduziertes Geflügel nähert sich häufig dem Verfallsdatum oder wurde mit Zusatzstoffen behandelt, um länger haltbar zu bleiben. Wenn Sie feststellen, dass bestimmte Produkte beim Braten stark schrumpfen oder ungewöhnlich viel Wasser abgeben, merken Sie sich diese Hinweise für künftige Einkäufe.

Rechtliche Grauzonen und Kennzeichnungslücken

Obwohl die Lebensmittelkennzeichnung in Europa durch Verordnungen wie die EG Nr. 1333/2008 streng geregelt ist, existieren Schlupflöcher. Verarbeitungshilfsstoffe müssen beispielsweise nicht immer deklariert werden, wenn sie im Endprodukt angeblich keine technologische Wirkung mehr haben. Auch bei loser Ware an der Frischetheke gelten vereinfachte Kennzeichnungspflichten. Zudem nutzen Hersteller geschickt die Unkenntnis der Verbraucher: Begriffe wie „natürlich behandelt“ oder „traditionell verarbeitet“ klingen vertrauenswürdig, sind aber nicht geschützt und sagen nichts über verwendete Zusatzstoffe aus.

Als mündiger Verbraucher haben Sie das Recht auf transparente Information. Scheuen Sie sich nicht, bei Unklarheiten beim Hersteller nachzufragen oder Produkte mit unzureichender Kennzeichnung zu meiden. Ihr Kaufverhalten sendet ein wichtiges Signal an die Industrie und kann langfristig zu ehrlicheren Produkten beitragen. Gesundheitsbewusstsein beginnt mit Wissen – und das gilt besonders bei Produkten, die wir für besonders gesund halten.

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